ai/Info: Guatemala - Zwei Gesichter

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Wed, 22 Sep 1993 17:32:00 PDT


## Original in: /APC/COMLINK/MENSCHENRECHTE
## author : G.GABRIEL@LINK-K.ZER.sub.org
## date : 19.09.93
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amnesty international AI-INFO
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9/93 - Guatemal.doc

Guatemala

Die zwei Gesichter der Armee
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Im Jahr der indigenen Voelker 1993 jagt Guatemalas Armee die
Indios im Urwald wie Tiere. Ein internationaler Marsch zu den
Widerstandsdoerfern durchbrach erstmals die Isolation der in-
dianischen Ureinwohner in den versteckten Bergdoerfern.

"Ich habe festgestellt, dass in den Widerstandsdoerfern Zivil-
bevoelkerung lebt, dass es keine Kaempfer sind." Als Ramiro de
Le"n Carpio das sagte, war er noch der Menschenrechtsbeauf-
tragte Guatemalas. Kurz darauf waehlte ihn der Kongress zum
neuen Staatspraesidenten. Sein Amtsvorgaenger Jorge Serrano war
mit seinem "Staatsstreich von oben" klaeglich gescheitert. Die
Armee, die Serrano mit ihren Panzern anfangs noch unterstuetzt
hatte, enthob ihn seines Amtes - und konnte fortan als
"Retter der Verfassung" auftreten.

Dies verblueffte selbst Kenner guatemaltekischer Politik. Bald
verdichteten sich die Hinweise, der Gegenputsch der Militaers
gegen Serrano sei Teil einer raffinierten Strategie gewesen.
Er war offenbar bereits vorher geplant, um das Ansehen der
Armee aufzupolieren. Doch waehrend sich die Armee in der
Hauptstadt den demokratischen Staatsorganen unterordnet,
zeigt sie im fernen Urwald des Ixcan ihr wahres Gesicht: Die
Bombardements gegen die zivile Bevoelkerung gehen weiter.

ZUe: Krieg gegen die Indio-Doerfer

Mit dieser Armee muss nun auch der neue Praesident Carpio re-
gieren. Bisher konnte er sich noch darauf berufen, dass er als
Menschenrechtsanwalt nur Empfehlungen an die Regierung geben
koenne. Bereits wenige Stunden nach seiner Amtsuebernahme emp-
fing Carpio eine Delegation von amnesty international. Die
amnesty-Mitarbeiter forderten ihn auf, die Menschenrechte zur
Grundlage seiner Politik zu machen.

Carpio muss nun beispielsweise entscheiden, ob seine Erkennt-
nisse ueber die indianische Bevoelkerung im Widerstand weiter-
hin Gueltigkeit haben oder ob er sich der Auffassung der Mili-
taers anschliesst. Die jedenfalls erklaeren seit Jahren unisono:
"Die Bevoelkerung im Widerstand ist der verlaengerte Arm der
Guerilla". Damit rechtfertigt die Armee seit mehr als 30 Jah-
ren ihren Vernichtungsfeldzug gegen die indianische Bevoelke-
rung Guatemalas. Anfang der achtziger Jahre, unter den Gene-
raelen Lucas Garc!a und Rios Montt, wueteten die Soldaten am
brutalsten: 440 Indio-Doerfer waren mit Haus und Hof, Mensch
und Tier dem Erdboden gleichgemacht worden.

Fuer den 40jaehrigen Miguel Filippe und seine Familie gab es
damals nur eine Moeglichkeit zu ueberleben: "Wir sind in den
Urwald geflohen. Alle, die blieben, wurden vom Militaer ermor-
det: Jugendliche, Kinder, Frauen, Kranke." Ueber 150.000 Men-
schen flohen damals nach Mexiko, andere in die unwegsamen Re-
gionen der Berge und des Urwaldes. Dort bildeten sie die ge-
heimen Doerfer der Bevoelkerung im Widerstand.

Bischof Cabrera schaetzt, dass noch etwa 25.000 Menschen im Ur-
wald leben. Er nimmt kein Blatt vor den Mund, um zu sagen,
worum es dem Militaer wirklich geht: "Die Armee Guatemalas hat
sich negativ entwickelt. Sie erfuellt nicht mehr ihre eigent-
lichen Aufgaben, sondern ist zu Waechtern der Reichen gewor-
den. Mehr noch: Die Generaele wollten selbst zu den Reichen
gehoeren." So direkt wurde das bisher wohlweislich noch nie
gesagt. Im Guatemala, wo Todesschwadronen bis heute straffrei
morden koennen, macht der Terror auch vor der Kirche nicht
halt.

Was unter dem Vorwand der Aufstandsbekaempfung Zehntausende
indianischer Kleinbauern das Leben kostete, diente in der Tat
der hemmungslosen Bereicherung der Generaele. Das Land dieser
Bauern versprach Reichtum wegen seiner Fruchtbarkeit und sei-
ner Bodenschaetze: Erdoel und hochwertige Erze. In regelrechten
Feldzuegen jagt die Armee bis heute mit Artilleriebeschuss,
flaechendeckenden Bombardements und Militaerpatrouillen die In-
dios wie Tiere durch den Urwald - auch der Friedensnobelpreis
an Rigoberta Mench# im vergangenen Jahr konnte den Terror
nicht stoppen. Die Menschen bleiben trotz aller Entbehrungen
in den Widerstandsdoerfern. Guatemala ist ihr Land. Fuer die
Enkel der Maya liegen hier ihre Wurzeln.

ZUe: Ein gefaehrlicher Marsch

Der Teufelskreis von Vertreibung, Vernichtung und dem erbaerm-
lichen Leben abseits jeglicher Zivilisation soll nun durch-
brochen werden. Mehr als 400 Menschen aus aller Welt, von Pax
Christi aus den USA bis zur Evangelischen Kirche Deutsch-
lands, machten sich im Maerz 1993 zu einer gefaehrlichen Reise
auf. Zu Fuss durchquerten sie das Konfliktgebiet des Ixcan auf
dem Weg zu den Widerstandsdoerfern. Bischof Ramazzini erklaert,
warum sich die beiden Kirchen und die Gewerkschaften Guatema-
las zu diesem Schritt entschlossen haben: "Es geht darum, ei-
ne dauerhafte Verbindung zwischen den Widerstandsdoerfern und
den umliegenden Gemeinden zu schaffen. Die Menschen sollen
ohne Angst Handel und Austausch betreiben koennen."

In den Widerstandsdoerfern Mayalan und Pueblo Nuevo wurden die
Marschierer aus aller Welt von den Indios mit Traenen in den
Augen begruesst. Sie konnten es nicht fassen, dass sich nach
zehn Jahren der Isolation auf einmal die Welt fuer ihr Schick-
sal interessiert. Das Widerstandsdorf Pueblo Nuevo steht an
diesem Platz erst zwei Jahre. Mehrfach musste es aufgegeben
werden. Die Menschen haben es an anderer Stelle neu errich-
tet. Ueber dieses Leben auf der Flucht konnte auch das Spiel
der Marimba nicht hinwegtaeuschen, das zur Begruessung ange-
stimmt wurde.

Das wahre Leben spiegelt sich in den Zeichnungen der Kinder
wider: Soldaten, die Menschen erschiessen; Helikopter, die
Bomben werfen. Die Kinder, die hier geboren sind, kennen zwar
Maschinengewehrfeuer und das bedrohliche Knattern der Hub-
schrauber, aber sie sahen noch nie ein Auto, ein Haus oder
gar eine richtige Schule.

Der Armeesprecher Yon Rivera bezeichnete den Marsch als
"Einmischung" und bezichtigte die internationalen Besucher
des "Missbrauchs der Reisefreiheit". Nicht zuletzt deshalb
zeigte sich Anita Wellsheim von Pax Christi aus Washington
ueberaus besorgt ueber die Zukunft der Dorfbewohner: "Diese
Leute sind arm, ohne eigenes Land. Ich habe Angst vor dem,
was passiert, wenn wir weg sind." Ihre Angst war nicht unbe-
rechtigt. Noch waehrend des Rueckmarsches rueckte die Armee er-
neut gegen die Widerstandsdoerfer vor.

Klaus Keil

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Aus: ai-Info September 1993
(c) amnesty international 1993
Verbreitung mit Quellenangabe erwuenscht.

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